Nein, es hat nicht geregnet. Es war auch keine Fußballübertragung. Es war ganz ruhig. Ruhig, dunkel und scheißkalt. Scheiße war auch Thema, zumindest in Nadja Buchers Text (einem Ausschnitt aus ihrem akutellen Romanprojekt). Manfred Gram hingegen gab Anleitungen zur Erstellung einer Sexkolumne und führte MYLF ein. Wir erfuhren, dass ungefähr alle von allen die Töchter und Söhne sein könnten, was MYLF sein könnte und ist, was MYLF aber macht, das führten Yasmin Hafedh und Mieze Medusa vor und zwar mit Mut zur Nichtbeherrschung, mit ausgeklappten Tragflächen, Dauerpiepton sowie Ping-Pong- und Simultan-Poetry. Beide durften auch einzeln ran (bitte Ziel eingeben! bitte Echo Narziss!) und Markus Köhle schreibt brav diesen Nachbericht, hatte kaum Stimme aber zum wahren Thema des Abends DRUCKABFALL schon etwas zu sagen.
Von einem klassischen Druckabfall spricht man – und ich spreche im Folgenden nur von der Männerseite, da mir das Gebiet zu sensibel scheint, um nicht zumindest empirisch fundiert oder persönlich motiviert zu argumentieren, von einem Druckabfall beim Manne also spricht man, wenn einem ein Stein vom Herzen fällt und dabei gleichzeitig das Herz in die Hose rutscht. Erleichterung gepaart mit Schock. Das ist in Summe gelinde gesagt suboptimal und kann allerlei Ungemach nach sich ziehen.
Das mit dem Steinfall ist zwar schön, aber beschreibungstechnisch zu vernachlässigen. Der Herzhosenrutsch allerdings gibt einiges her und kann sich auf unterschiedliche Weise manifestieren. Das Herz ist ein pulsierender Muskel, der gut von Blut durchspült wird, und sich das Pumpen zur Lebensaufgabe gemacht hat. Das Herz hat es aufgrund seiner Bestimmung zwar schon schwer genug, dennoch muss es seit jeher auch als Metapher für allerlei romantischen Krimskrams und Liebesschmonzes herhalten. Das Herz ist ein guter Kumpel und lässt sich das alles gefallen. Fällt einem das Herz in die Hose, so kann man, kurz gefasst, von einer großen Gefühlsregung sprechen, die Spuren hinterlässt. Das Herz kann einem vorn und hinten in die Hose rutschen. In Sonderfällen auch vorn und hinten zugleich. Das hat natürlich mit Blase und Darm zu tun und die Kontrolle über diese Körperinnereien. Bei einem Druckabfall aber – Stein vom Herzen, Herz in die Hose – kann man nicht anders, als alles fahren zu lassen. Man wird allumfassend übermannt und – Schockschwerenot – scheißt sich aus und oder macht sich an. So weit so peinlich.
Aber widmen wir uns ausführlicher dem interessanteren Fall, den des vorderseitigen in die Hoserutschens respektive -gehens. Es handelt sich dabei um ein abruptes Anschwellen des potenziellen Vaterschaffts begleitet von blitzartigem Auswurf des Erbguts.
Das heißt einerseits zwar Druckerhöhung weil Schwellkörpermaximierung aber gleich darauf befreiender Druckabfall weil entspannende Ejakulation. Wer kennt das nicht? Ein Los, das jeden pubertierenden Oberstufler im Laufe seiner Schulkarriere mindestens einmal getroffen haben dürfte.
Beispiel: Schulwoche eins. Der autoritäre und sicher auch heute noch ewig gestrige Klassenvorstand bestimmt die Sitzordnung. Dir fällt ein Stein vom Herzen, weil du nicht neben Bastian „Schweinebacke“ Hummel sitzen musst, der sicher auch heute noch seinen Stallgeruch in die Welt trägt, dem mit Sicherheit auch heute noch kein handelsübliches Deo gewachsen ist. Selbst der Klassenvorstandsarsch trifft die für alle gesündeste Lösung und platziert Schweinebacke Bastian in der Isolierbank direkt neben dem zugigen Fenster in der letzten Reihe mit ausreichend Abstand zum Rest der Klasse – wir nannten diesen Abstand übrigens Bastis Bannmeile, Suhlstuhlzone oder Olfaktorischer Overkill Schutzwall.
Dir fällt also ein Stein vom Herzen, weil dir diese Sinnesreizprüfung erspart bleibt und du dir nicht ein Jahr lang deine Nasen tamponieren und du nicht mit Schutzkleidung und Duschhaube deinen Platz belegen musst, da fällt dein Name und gleich drauf der, des absoluten Klassenfegers.
Warum man in der deutschen Sprache jemanden, der einem offenbar die Sinne raubt, in und an einem alles augenblicklich erstarren lässt, warum man so jemanden Feger nennt, ist dir zwar nicht klar, aber im Moment auch wurscht. Vielleicht ist das ja ein Lehnwort aus dem Italienischen. Dort wird scopare (fegen) synonym für bürsteln gebraucht, also schustern oder – um es mit dem Wort zu sagen, mit dem ich und er groß geworden sind – synonym für schnackseln.
Aber all das ist dir gerade wirklich herzlich wurscht – für herzliche Wurschtigkeit ist ja jetzt, da dir gerade ein Stein vom Herzen gefallen ist, wieder Platz. Jedenfalls tut der Klassenvorstandstrottel das erste Mal in seinem verpfuschten Lehrerleben etwas Gutes und setzt dich neben die vorgestern erst eingeflogene Schwedenbombe aus Stockholm, die Austauschschülerin Linda: 80-60-80 und 1,80 groß.
Deine Wünschelrute schlägt mächtig aus und zieht dich zu ihr hin. Ob dein Faibel für junge Schwedinnen mit deiner Softpornosozialisierung oder nur mit dieser grenzwertigen Duplo-Werbung zu tun hat, kannst du nicht beantworten, vermutlich hätte aber auch eine ähnlich ausgestattete Schottin verursacht, was nun eben verursacht wurde. Um es mit Restromantik auszudrücken: Herzsoße in der Hose.
Dein Glück, dass du ein Teenager der 90er Jahre bist, dem in vielen Beziehungen so dankbaren Grunge-Zeitalter. Klar hinterlässt dein generelle Zuneigung ausdrückender Samenerguss Spuren in der Hose und zwar nicht nur an der Innenseite. Aber das fällt bei einer richtigen Grunge-Hose niemandem auf. Da sind Löcher und Flecken Programm. Wenn du derartige Situationen betreffend schon etwas Routine hast, wirst du nicht mal rot im Gesicht und kannst dich, gänzlich unbeschwert, und eben von ganzem Herzen, auf das bevorstehende Schuljahr freuen. Jeder Morgen ein Linda Morgen, jeden Morgen Erhöhung des Hosendrucks mit garantierter Lindarung.
Es war zwar vom Schulerfolg her nicht mein bestes Jahr, zu viel Blut und Herzsoße im Schritt, aber ich war glücklich und das als siebzehnjähriger Jugendlicher vom Land, das muss man erst einmal hinkriegen.
Ach ja, noch was. Linda bin ich übrigens neulich zufällig im Internet begegnet. Was soll ich sagen? Ich finde, sie hat ihre natürliche Begabung bestens genutzt und zum Beruf gemacht. Wer mehr wissen will, möge Linda Samström googeln.