steht auf dem recht flott gestalteten Einladungs-Billet. Man kriegt ja heutzutage kaum mehr Billets zugestellt. Meist wird man per Social-Network-Verbindung kontaktiert, angetwittert, umskypte oder be-sms-t, aber so richtig handfest und auf dem Wenn-es-wichtig-ist-dann-mit-der-Post-Weg sind Einladungen ja mittlerweile eine Seltenheit. Ich bedauere das.
Ich freue mich aber umso mehr, diese „Nudelwalken gegen Endzeitstimmung“ Einladung in Händen zu halten und denke mit: Toll! Das entspricht mir eindeutig mehr, als die handarbeistunterrichtnostalgischen kollektiven Baum- und Verkehrsschilderbestrickungen oder die vollkommen affigen Lovelocks-Aktionen an Brücken.
„Nudelwalken gegen Endzeitstimmung“ das klingt zumindest nach einem pfiffigen Flashmob Konzept, vielleicht ist das sogar die Einladung zu einer Motto-mit-Mitternachtseinlage-Party von jung und erfinderisch gebliebenen Mittdreißigern.
Noch ehe ich das grafisch schlicht aber überzeugend gestaltete Billet aufklappe, nehme ich mir vor, dort hinzugehen. Denn ich habe einen Nudelwalker und nicht nur das, ich habe seit letzte Weihnachten ein ganzes Backset: mit Nudelwalker, Keksstechformen in den Motiven Reh, Kuh, Hirsch, Frosch und Aal, einem Zick-Zack-Rand-Teigradler, diversen Spateln und Schüsseln sowie eine mechanischer Küchenwaage. All diese Gegenstände habe ich bisher nur zweckentfremdet verwendet.
Setzt man die Keksausstechformen auf ein gut geklopftes Schnitzelfleisch und haut zweidreimal mit dem Nudelwalker drauf, erhält man liebliche Reh, Kuh, Hirsch, Frosch und Aalschnitzelchen, die zu panieren eine helle Freude ist.
Der Zick-Zack-Rand-Teigradler wiederum ist ein nicht zu unterschätzendes Rückenmassagegerät mit Vorspieltauglichkeit, die elastischen, langstieligen Plastikspateln sind effiziente Fliegen- und Popolustklatschen und die extragroße Teigschüssel reicht aus, um gemeinsam mit der Lebensabschnittspartnerin, einer Kiste Bier und einer Flasche Rhaki alle Bachmannpreislesungen samt Jurydiskussionen geblockt anzuschauen, ohne einmal auf den Topf – dafür gerne mehrmals auf die Schüssel – gehen zu müssen. Reinigen lassen sich diese Backutensilien ja besonders leicht, ausgenommen die mechanische Küchenwaage aber die verwende ich ohnehin nur gelegentlich, um zu eruieren, im welchen Verhältnis die aufgenommene Nahrung zur ausgeschiedenen Scheiße steht. Ich will da jetzt keine allgemein gültige Theorie aufstellen, aber ich für meinen Teil verbrenne im Winter besser und kacke kompakter. Zucker, Mehl, Salz, Kokain oder sonstige unschuldig weiße Pülverchen wiege ich mit meiner Küchenwaage eher selten ab. Mein Nudelwalker aber ist oft im Einsatz.
Mit dem Nudelwalker hab ich alle Nägel in meiner Wohnung eingeschlagen, wenn gerade keine leere Bierflasche zur Hand war. Mit dem Nudelwalker habe ich auch getestet, wie sehr ich arschfickgeeignet bin, bin aber nie über den Griff hinaus bzw. mit dem eigentlichen Walker in mich hinein gekommen. Mein Nudelwalker ist mir in den letzten Monaten als multifunktionales Tool sehr ans Herz gewachsen, und wenn ich damit auch noch gegen den 2012-Trend schlechthin, nämlich die Endzeitstimmung anwalken kann, dann mach ich das glatt.
Ich schließe das Postkästchen ab, freue mich über den eigentümlichen Verschlusslaut, den ein entleertes Postkästchen hergibt und ärgere mich über die aufgebogenen Kästchentüren von Top 11 und 5. Sind das Vandalenakte von Hausgangseindringlingen oder machen die das selber?, frage ich mich. Wenn die das, weil sie den Schlüssel verlegt haben, selber machen, dann sind das sicher auch die, die immer ganze Schachteln, ohne sie zu falten, in den Altpapiercontainer und Glasflaschen in den Restmüll geben, vorurteile ich, ermahne mich aber im gleichen Augenblick dafür und spreche zur Ad-hoc-Buße: Vorurteile sind dazu da, ausgewalkt, ausgestochen und gebacken zu werden, auf dass sie süß seien, munden und die Welt verbessern mögen.
Ich wundere mich über diesen katholischen Schuldeingeständnisanflug und gleichzeitigen Schwachsinnserguss, schüttle den Kopf über mich, sag: „Tz, tz, tz“ und „Markus, Markus“ und hoffe so, wieder auf andere Gedanken zu kommen. Apropos „zu kommen“: Sex ist die Möglichkeit, mehrmals zu kommen, ohne je fort gewesen zu sein, sagte mal wer und jetzt erst, nach minutenlangem fruchtlosem Hirnbrüten, jetzt erst, da ich, wie jeder normale Mann, endlich wieder konkreten Sex und nicht irgendwelche kruden Gedanken im Kopf habe, jetzt erst verstehe ich das Einladungsmotto „Nudelwalken gegen Endzeitstimmung“ in seiner gesamten und vor allem der sexuell konnotierten Bandbreite.
Das ist eine Einladung zum Rudelpudern, zum „Gruppe knalle“ wie es in Lars von Triers Dogma Klassiker „Idioten“ so schön heißt und ein Idiot der oder die, die oder der das nicht kapiert.
Ich grinse im Geiste – wie das geht? – naja, man erkennt’s vermutlich am ehesten an der kurz hoch gezogenen Stirn und den weit aufgerissenen Augen, schlage das Billet auf und lese:
Dogma.Chronik.Arschritt. Die monatliche Käsebühne schweinigelt wieder. Am Freitag, den 13. Juli ist – das haben wir uns von den Casinos abgeschaut – Damentag, alle kommen dran und werden bedient. Natursekt ist im Eintritt inbegriffen.
Nadja Butcher Bucher kneift, wird aber von Gästin Andrea mit dem heißen Stift mehr als ersetzt und tatkräftig von der Stammbelegschaft Mieze Mehrkopf Medusa, Manfred Saubartl Gram und Markus Keule Köhle unterstützt werden. Also nichts wie hin. Augen zu, Hose runter und „Nudelwalken gegen Endzeitstimmung“.